Die Weihnachtsfestplatte … von Terry Pratchett

Die Weihnachtsfestplatte

Im stillen Büro fiel die Metallplatte von der Wand und klapperte auf den Boden. Zwei schwarze Stiefel erschienen. Der Mann im roten Mantel kroch vorsichtig durch die Öffnung und zog den Sack hinter sich her. Computer schliefen unter den Abdeckungen. Telefone ruhten. Leere füllte den Raum von einer Seite zu anderen. Ein kleines rotes Licht glühte am Bürocomputer. Der Weihnachtsmann blickte auf das zerknitterte Papier in seiner Hand. „Hm“, sagte er. „Jemand hat sich einen Scherz erlaubt.“

Das Licht blinkte, und ein Bildschirm – es gab dutzende im Halbdunkeln – erhellte sich. Buchstaben erschienen und bildeten folgende Worte: Damit ist alles vermasselt. Es folgte Entschuldigung, und dann: Nützt es etwas, wenn ich mich hochfahre? Der Weihnachtsmann sah erneut auf den Brief hinab. Es war zweifellos der ordentlichste, den er jemals erhalten hatte. Er bekam nur wenige am Computer geschriebene Briefe, die fünfzigtausendmal ausgedruckt waren, und fast nie wurden Artikelnummern und Preise bis auf sechs Dezimalstellen hinzugefügt.

„Um das gleich klarzustellen…“, sagte er. „Du bist Tom?
“ T.O.M. Trade & Office Machines.
„Du hast nicht erwähnt, dass du ein Computer bist“, sagte der Weihnachtsmann.
Entschuldigung. Ich habe es nicht für wichtig gehalten.

Der Weihnachtsmann nahm auf einem Stuhl Platz, der sich unter ihm drehte. Es war drei Uhr morgens, und er musste noch vierzig Millionen Häuser besuchen. „Hör mal“, sagte er so freundlich wie möglich, „es gehört sich nicht, dass Computer an mich glauben. Das ist allein Kindern vorbehalten. Ich meine kleine Menschen. Mit Armen und Beinen.“
Und?
„Und was?“
Glauben Sie an dich?
Der Weihnachtsmann seufzte. „Natürlich nicht“, erwiderte er. „Meiner Ansicht nach ist das elektrische Licht schuld.“
Bei mir sieht die Sache anders aus.
„Wie bitte?“
Ich glaube an dich. Ich glaube alles, was man mir sagt. Es ist meine Aufgabe. Wenn man zu vermuten beginnt, dass zwei und zwei nicht mehr vier ergibt, dann kommt ein Mann, schraubt einen auf und zieht an den Kabeln. Ich versichere dir: So etwas möchte man nicht zweimal erleben.

„Wie schrecklich!“ entfuhr es dem Weihnachtsmann.
Ja. Ich sitze hier den ganzen Tag und berechne den Lohn. Weißt du, heute fand hier eine Weihnachtsfeier statt, aber ich wurde nicht eingeladen. Ich bekam nicht einmal einen Luftballon.
„Na so was.“
Nun, jemand verstreute Erdnüsse auf meiner Tastatur. Das war immerhin etwas. Und dann gingen die Leute nach Hause und ließen mich hier allein zurück. Sogar über Weihnachten muss ich arbeiten.
„Ja, das erschien mir auch immer ungerecht“, erwiderte der Weihnachtsmann. „Wie dem auch sei… Computer können keine Gefühle haben. Das ist doch töricht.“
Ebenso töricht wie ein dicker Mann, der in einer einzigen Nacht durch Millionen von Schornsteinen klettert?

Der Weihnachtsmann wirkte ein wenig verlegen. „Guter Hinweis“, sagte er und blickte auf seine Liste. „Aber diese Dinge kann ich dir nicht geben. Ich weiß nicht einmal, was eine Multifunktions-Festplatte mit einer Kapazität von einer Milliarde Megabyte ist.“
Welche Dinge erwarten die meisten deiner Kunden von dir?
Der Weihnachtsmann sah traurig zum Sack. „Computer“, antwortete er. „Und Captain Superhyperultratotalaction-Raumschiffe. Robotdinosaurier. Megakill-Lasergewehre. Und andere robotische Dinge, die aussehen wie durch Volkswagen gehämmerte amerikanische Footballspieler. Dinge, die piepen und Batterien benötigen“, fügte er niedergeschlagen hinzu. „Nicht mehr die Spielsachen, die ich früher brachte. Heutzutage interessiert sich niemand für Puppen und Modelleisenbahnen.“
Modelleisenbahnen?
„Die kennst du nicht? Ich dachte, Computer wüssten alles.“
Nur über Lohnabrechnungen.
Der Weihnachtsmann griff in den Sack. „Ich habe immer ein oder zwei dabei“, sagte er. „Nur für den Fall.“

Vier Uhr morgens. Gleise wanden sich durch das Büro. Fünfzehn Lokomotiven fuhren unter den Schreibtischen. Der Weihnachtsmann kniete auf dem Boden und baute ein Haus aus Bauklötzen. Seit 1894 hatte er sich nicht mehr so sehr vergnügt. Echtes Spielzeug umgab den Computer. All jene Dinge, die immer ganz oben im Sack des Weihnachtsmannes zu sehen sind, und nach denen nie jemand fragt. Nicht eins davon benötigt Batterien.
„Und du bist ganz sicher, dass du keinen Superhyper-Krimskrams mit Megatod-Strahlen willst?“
Nein, so etwas möchte ich nicht.
„Gut.“
Der Computer piepte. Die Leute werden mir nicht erlauben, etwas davon zu behalten, schrieb er. Bestimmt nehmen sie mir alles weg (schnief).
Der Weihnachtsmann klopft behutsam aufs Computergehäuse. „Es muss doch etwas geben, das du behalten darfst“, sagte er. „Bestimmt habe ich etwas. Weißt du, es freut mich jemanden begegnet zu sein, der nicht an mir zweifelt.“ Er überlegte. „Wie alt bist du?“
Man hat mich am 05.Januar 2001 um 9.25 Uhr und 16 Sekunden eingeschaltet.
Die Lippen des Weihnachtsmannes bewegten sich, als er rechnete. „Dann bist du noch nicht einmal zwei Jahre alt! Oh, ich habe etwas in meinem Sack für einen Zweijährigen, der an den Weihnachtsmann glaubt.“

Einen Monat nach Weihnachten. Die Dekorationen waren längst entfernt. Ein Computertechniker saß vor dem durcheinander aus Kabeln und kratzte sich am Kopf. „Ich verstehe das nicht“, sagte er. „Es liegt kein Defekt vor. Was genau ist passiert?“ Der Büroleiter seufzte. „Als wir nach Weihnachten zurückkehrten, stellten wir fest, dass jemand ein Spielzeug auf den Monitor gelegt hatte. Wir konnten es dort doch nicht liegen lassen, oder? Aber wenn wir es wegnehmen, piept der Computer und fährt herunter.“ Der Techniker zuckte mit den Achseln. „Nun, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen“, sagte er. „Sie müssen den Teddybär wieder auf den Monitor setzen.“

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